Offenbach Post: 30.01.2002 zur Podiumsdiskussion vom 28.01.2002

Das Schloss - jetzt sogar geschenkt? Gespanntes Warten auf ein Wunder

Von Andreas H a r t m a n n

Babenhausen 
Ist eine Universität im Babenhäuser Schloss das Ei des Kolumbus? Bringt die kühne Idee des Professor Nikolaus Mexis der Stadt eine goldene Zukunft? Am Montagabend trat der gelernte Maschinenschlosser während einer Podiumsdiskussion des Vereins der Schlossfreunde unter der Moderation von Klaus Mohrhardt in der voll besetzten Harreshäuser Mehrzweckhalle vor ein gespanntes Publikum und versprach den Babenhäusern sehr, sehr viel. Eigentlich steckt in Mexis' Wundertüte für jeden etwas - und alles nach Mexis' Angaben auch noch ohne städtische Subventionen:

Schlosssanierung? Wer, wenn nicht eine Instandhaltungsuniversität, wäre dafür zuständig. Besonderes Zuckerl für die heimischen Handwerker: "Bei Aufträgen jeglicher Art werden Angebote in Babenhausen gesucht und vergeben. Großaufträge am Bau sollten nach Möglichkeit in der Region bleiben, um Arbeitsplätze zu erhalten", versprach Mexis.

Bis zu tausend Studenten der Instandhaltung sollen sich nach Mexis' Vorstellungen in fünf Jahren in Babenhausen tummeln. Die müssen essen, wohnen, sich die Haare schneiden lassen, Büromaterial einkaufen und so weiter. Welcher Ladeninhaber bekommt dabei keine leuchtenden Augen... Selbst für "die Babenhäuser Buchhandlungen" gäbe es viel zu tun, braucht eine Uni doch auch eine Bibliothek.

Ab 1. April wolle man Angebote für Studenten- und Dozentenunterkünfte einholen, meinte Mexis. Außerdem suche man zu diesem Zeitpunkt eine Sekretärin und eine Bürokauffrau. Weitere Arbeitsplätze würden noch in diesem Jahr geschaffen.

Seminare und Kongresse würden Babenhausen international bekannt machen und Restaurants und Hotels füllen, ist ebenfalls eine von Mexis' Ideen.

Der Kindergarten dürfte im Schloss bleiben. Auch der Künstler Norbert Jäger, der sein Atelier im Schloss hat, könne "weiterhin dort seine Bilder malen" - Jäger ist allerdings Bildhauer.

Und zu guter Letzt zauberte Mexis noch ein besonderes Bonbon aus dem Hut. "Ich weiß nicht, ob ich Ihnen das sagen darf, denn wir hatten darüber im Verwaltungsrat Verschwiegenheit vereinbart, aber wir sind bereit, dass wir der Stadt aus den Einnahmen der Universität das Schloss schenken!" Viel Beifall brachte ihm dieses Versprechen.

Trotzdem war die Stimmung im Saal bei weitem nicht so gelöst-euphorisch, wie angesichts solch goldener Aussichten zu erwarten. Allzu glänzend, allzu fantastisch erschien das Konzept vielen Anwesenden, ein gewagtes Konzept irgendwo zwischen Genie und Scheitern. Daran änderte auch der farbenfrohe Vortrag des Professors im Stile eines amerikanischen Fernsehpredigers wenig.

"Instandhaltung" oder englisch "Maintenance", das sei so ziemlich alles, hieß es da. Rundumschlag durch die europäische Geistesgeschichte: Ob Beethoven, Alexander der Große oder Ludwig Erhard, sie alle wussten von der Bedeutung der Instandhaltung, wie Mexis anhand von Zitaten belegen wollte. Die instandgehaltene Welt ist ein buntes Foto eines weißen Sandstrandes unter Palmen. Ohne Instandhaltung hingegen ist die Welt - das Bild einer Mülldeponie. Der humorige Tipp allerdings, auch seine Frau instand zu halten, ärgerte nicht nur Pfarrerin Karin Greifenstein.

Vielleicht lag hierin der Knackpunkt des Vortrags: Das Publikum fühlte sich unterschätzt und zu sehr gebauchpinselt - Fragen nach den Lehrplänen, dem Stand des Genehmigungsverfahrens und vor allem zur Finanzierung blieben trotz vieler Mexis'scher Worte mehr oder weniger unbeantwortet. 65 000 Seiten habe man bereits ausgearbeitet, meinte der Professor, da sei klar, dass man die hier vor Ort nicht vorlegen könne. Doch sei er jederzeit bereit, Einblick in seine Unterlagen zu gewähren: "Wir haben sogar schon die Stundenpläne ausgearbeitet!"

Trotzdem hielt sich das Publikum mit Kritik merklich zurück: Denn eine vielleicht großartige Vision totreden, am Ende gar schuld an deren Scheitern sein, wollte schließlich niemand. Tatsächlich gab es wahrscheinlich keinen im Saal, der nicht von der grundsätzlichen Idee, dass Maschinen und Bauwerke, Rohrleitungen und Autos gewartet und gepflegt werden müssen, überzeugt war. Zweifellos gibt es in diesem Bereich einen großen Bedarf, der in unserer bisherigen Ex-und-Hopp-Gesellschaft viel zu wenig berücksichtigt worden ist. Ein Besucher brachte es während der Pause auf den Punkt: "Ich würde gerne an ein Wunder glauben, schließlich bin ich ein gläubiger Mensch!"

Die auf dem Podium sitzenden Bürgermeisterkandidaten hingegen - Reinhard Rupprecht (CDU), Claus Coutandin (SPD), Andrea Möbius (FDP) und Ralf Guinet (Grüne) - ließen sich eventuelle Skepsis nicht anmerken. Zu verführerisch ist der Königsweg Universitätsstadt so kurz vor den Bürgermeisterwahlen.